Äta, sova, död

Gestern war ich endlich im Kino. Schliesslich waren es schwedische Filme, die mich hier herbrachten. Ich schaute Äta, Sova, Död. Eine Geschichte über Rasa und ihren Vater, die aus Montenegro kamen, als Rasa ein Kind war. Rasa arbeitet in einer Gemüsefabrik wo jeden Tag eine andere Sorte verpackt wird. Als sie diesen Job, der zwar vor Monotonie stank, aber für sie und ihren Vater Sicherheit bot, verliert, gibt sie nicht auf. Sie lässt sich allerhand einfallen, muss aber einsehen, dass sie in einer wirtschaftlich Brachlandschaft lebt. Die gemeinsame Selbsthilfegruppe beim Arbeitsamt hilft da wenig. Am Ende scheitert sie im neuen Job wegen der fehlenden Fahrerlaubnis. 

Heute ist übrigens Donnerstag, Torsdag, benannt nach dem Gott Tor (Donner) aus der Nordischen Mythologie mit dem griechischen Äquivalent Zeus und dem römischen Jupiter.

Thor ist in der Edda, der nach Odin am meisten gefürchteste Gott. Er ist Odins Sohn. Es rollt und donnert, wenn er mit seinem Wagen über den Wolken umherzieht. Voll Macht erlangt er, wenn er den Gürtel Megingiard umlegt. Sein Hammer, der leider als Symbol von der rechtsextremen Szene verwendet wird, heisst Mjölnir und verfehlt niemals sein Ziel. Nach jedem Wurf kehrt er in die Hand des Werfers zurück.

Seine grössten Feine waren die Riesen. Als der Riese Thrym ihm den Hammer stahl, wollte er ihn nur zurückgeben, wenn er die Göttin Freia (Liebe und Ehe) zur Frau bekommen würde. Freia, die dem nicht einwilligt zwingt so Thor sich als Braut zu verkleiden und nimmt seinen Blutsbruder Loki, quasi der Halunke in der nordischen Mythologie, als Begleiterin mit. Trotz Donnergrollen und stechendem Blick spielt sich Thor durch Vermählung und Hochzeitsschmaus. Als Thrym ihm den Hammer in den Schoss legt, tötet er alle Riesen. Sein Ende findet Thor in Geiftströmen der Mídgardschlange.

Thor gehört zu den Asen, den herrschenden und kriegerischen Göttern, die zahlenmässig den Wanen, also den Fruchtbarkeitsgottheiten überlegen sind. Zu 12 leben sie in Asgard einen sehr irdischen Alltag, und halten sich Verzehr des Apfels Idun jung.

Sag alles ab

Ein Prolog zum Epilog, benannt nach einem Song der DEFINITIV besten Band der Welt, Tocotronic.

Langsam sage ich Goodbye. Ich packe langsam ein. Eine Tasche ist fast voll. Ich packe jeden Tag ein bisschen um der grossen Packerei am Ende zu entkommen. Gestern ging ich mit Christine und Kalle, meinen beiden “Kontaktpersonen” zum Abschied aus. Christines Sohn arbeitet als Sommelier in Heaven 23 einer Bar über der Stadt (ich natürlich ohne Kamera). Er kam gerade zurück von einer Reise durch deutsche Weinanbaugebiete. Wir hatten drei Weissweine und einen Cognac. Danach war ich ein wenig traurig als ich allein mit der Strassenbahn nach Hause fuhr, denn es war der erste Abschied dieser Tage.

Es gibt noch so viel, dass ich hier schreiben wollte. Ich wollte herausfinden, ob Schweden Sport verrückt sind und anhand einer Statistik beweisen, dass es hier pro Kopf mehr Gyms und Sportfachgeschäfte gibt als in Berlin, aber das war zu kompliziert. Es fehlt immer noch eine ausführliche Beschreibung von folgenden Personen:

  • Ingmar Bergman
  • Olof Palme
  • Gustav II Vasa
  • Astrid Lindgren
  • August Strindberg
  • Raoul Wallenberg
  • Axel Ox….

Sicher werde ich diesen Blog nicht mit meiner Abreise beenden. Es fehlt schliesslich zudem noch eine ausführlichere Beschreibung der Gesetzeslage in Schweden und mein Tourist Guide.

Was hat mir das hier gebracht? Bei all den Unterschieden der beiden Einrichtungen Landsarkivet i Göteborg und dem Politischen Archiv spüre ich in beiden den gleichen Geist, wir bewahren das Vergängliche vor dem Verschwinden. Wir tun das auf unterschiedliche Weisen, auch weil wir unterschiedliche Voraussetzungen besitzen, die Bedeutung von Kultur in der Gesellschaft vielleicht anders ist, die Geschichte, gesetzliche Grundlagen u.s.w..

Mir ist erneut bewusst geworden, dass die Existenz von Archiven nicht selbstverständlich ist. Beide Einrichtungen, das Politische und das Landarkivet sind sehr jung, 1911 und 1920.

Greta Garbo ist allover the news. Greta Garbo, der Hollzwood-Star aus den 20er und 30er, der erfolgreich den Sprung vom Stumm- zum Tonfilm meisterte. Greta Garbo, die als Greta Gustaffson in Stockholm als Kinder von Arbeitern geboren worden war und an der Königlichen Schauspiel Schule in Schweden eine Ausbildung absolvierte. 1942 endete ihre Karriere als durch den Zweiten Weltkrieg der Ausländische Filmmarkt wegfiel und sie es nicht schaffte sich dem amerikanischen Geschmack anzupassen.

Zurückgezogen lebte sie in New York und der Schweiz bis zu ihrem tod 1990.

Am 13. Juni 1935 kam sie nach einer etwa einwöchigen Schiffsreise in Göteborg an. Sie hatte versucht ihre Anonymität zu wahren und war unter anderem Namen gereist, doch Passagiere bekamen Wind und stürmten ihre Kabine. Gab sie selten Interviews, stellte sie sich nun bei ihrer Ankunft den Journalisten und äusserte, dass sie keine Zukunftspläne hätte, “Men jag vet att jag aldrig kommer att bli det som jag i mina bästa stunder drömmer nun”*.

Immerhin wurde sie noch 2 Mal für den Oscar nominiert (insg. 3 Mal) und drehte noch 4 Filme, darunter die Kameliendame. Leider war die Zeit geprägt von Zensur, und die Drehbücher ihrer Filme litten oft an vielen Änderungen.

*Aber ich weiss, dass ich niemals sein werde, was ich in meinen besten Momenten träume. (oder so ähnlich)

Der Titel des Posts stammt aus der deutschen Version von Anna Christie. Es ist ihr erster Satz im Film.

Lars från Lund

Es war soweit, es war die letzte Möglichkeit, es blieb uns nur dieses Wochenende. Ich nahm den Swebus nach Malmö. Freitag nach der Arbeit mit Sack und Pack stiefelte ich zum Busbahnhof. Der Bus gerammelt voll. Alle über 2 Sitze verteilt. Mit 3 Haltepunkten war ich schliesslich nach 4 Stunden angekommen. Es war angenehmes Klima in Malmö. Das man hier weiter südlich ist, ich habe nie auf der Autobahn auf die km geachtet, aber es werden schon 400 sein, merkt man sofort.

Vom Bahnhof liefen wir durch die Altstadt zu Lars. Ganz der Gastgeber wurde ich auf eine Spritezero eingeladen. Die Altstadt ist wunderhübsch. Lars konnte leider keine Auskunft darüber geben, ob die bunte Beleuchtung der Gebäude so etwas wie ein Festival of Lights ist, aber egal. Eine breite Promenade (breit im Gegensatz zu Göteborg, breit wie Kassel oder Bielefeld, oder Wilmersdorfer Str.) führte uns eine ganze Weile durch die Stadt.

Lars wohnt bei Stefano, einem Italiener, der in Deutschland und Schweden Steuern zahlt, evtl bald nach Qatar, aber lieber Helsinki geht und Fachman in Nahostfragen ist, den ich gerne mal zum Libanon befragt hätte, aber dafür hatten wir keine Zeit und es war Wochenende. Er bombardierte mich mit Fragen bis wir irgendwann ins Bett gingen.

Am Samstag war schönes Wetter. Die ganze Woche hatte es der Wetterbericht prognostiziert, und es war T-Shirt-warm. Als wir am Abend unterwegs waren, sollen es gegen halb 11 noch 17 Grad gewesen sein. Ich machte mir Haferflocken (neue Sorte, irgendwie anders und besser im Abgang), Lars guckte mir zu. Stefano wollte schliesslich zu Coffee Point, ein Café, das bereits in Lars Blog viel Erwähnung fand. Hier trank ich Kaffee und schaute dieses Mal den anderen beim Frühstück zu, dass aus einem winzigen Stück Kuchen bestand.

Wir fuhren nach Lund, wo mir Lars seine Bibliothek zeigte und ich den berühmten Valter kennen lernte, der letztes Jahr bereits Lars in Berlin besucht hatte! Valter wird Psychologe, und ich bin sehr sicher, ein ganz toller. Wir haben uns über das Arzt-Patient-Verhältnis unterhalten, das in Deutschland unter aller Sau ist, während hier in Schweden die Studenten schon früh Kontakt mit Kranken haben wie Valter, der erst im 3. Semester ist und schon den ersten Patienten hat. Hier werden Ärzte also nicht zu sozialen Krüppeln ausgebildet! Wir rieten ihm in Deutschland nicht krank zu werden und er uns dasselbe für Schweden, da wir keine Schwedische Personalnummer haben und dann alles anders ist. Man kann hier auch 2 Wochen auf Arbeit fehlen ohne sich krank schreiben zu müssen, jedoch bekommt man Abzüge vom Lohn (etwa 10%, aber das muss ich nochmal irgendwo nachlesen, persönlich ziehe ich die Abzüge vor, denn wie schon zwischen den Zeilen zu lesen war, Ärzte in D, nee, nee, nee).

Wir unterhielten uns auch darüber, dass wir die hohen Steuern vorziehen, denn dafür bekommt der Bürger in Schweden einiges, von kostenlosem Schulessen und Kinderbetreuung bis zu sauberen und Schlagloch freien Strassen sowie Bibliotheken (1A) und Universitäten mit Einkommen unabhängigem Bafög und nicht zu vergessen Archive ohne Benutzungsantrag und Benutzungsordnung!

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof passierten wir noch die Domkyrka in der irgendwelche Ritter begraben liegen. Ich kaufte wunderhübsche Postkarten, und wenn ich wunderhübsch sage, dann meine ich nicht die hässlichen Dinger mit Miniaturaufnahmen wie von einer Wegwerfkamera, eben wunderhübsch.

Als einzige Frau lag es an mir das Abendbrot zuzubereiten. Aus Göteborg hatte ich in weiser Voraussicht ein paar Sachen mitgebracht wie Fleischersatz und Bulgur. Bulgur kannte keiner der Jungs und so war ich klar im Vorteil, dazu nen knackig grüner Salat und eine bomben Tomatensauce (es sassen zwei Italiener am Tisch, die Messlatte war hoch). Ich musste nicht auf der Strasse schlafen, ein Glück.

Am Sonntag schauten wir uns Malmö an. Beim Besuch der Stadtbibliothek liefen mir Tränen in die Augen. Es ist ein wunderschöner Ort für jeden von 0 bis 99. Gleich nebenan zieht sich eine sehr schöne Grünfläche an Malmös Fluss entlang dessen Verlauf wir ein wenig folgten und auf eine Mühle stiessen.

Sonne, blauer Himmel, Kaffee, Falafel und Lars. Rundherum ein toller Tag. Lars hat sich als Tourguide bewiesen und konnte tatsächlich einige wichtige Informationen in Lund und Malmö geben.

Tack tack.

Auf dem Rückweg stellte ich fest, dass es im Bus W-Lan und Steckdosen gibt. Im Internet checkte ich Rezepte für Kanelbulle und versuchte den Konflikt im Libanon zu verstehen, aber bin an den vielen Parteien im Bürgerkrieg, der bis 1990 ging, hängen geblieben. Wir hielten auch nur einmal, weshalb die Reise 3.30 ging und waren schliesslich nach 3.15 um 21.00 in Göteborg.

Måndag

Heute ist Måndag, seit 1973 offiziell der erste Tag der Woche in Skandinavien und benannt nach Måne, Bruder der Sonnengöttin Sol und Sohn des Riesen Mundilfari. Mundilfari ist Beweger der Weltachse.

Immer unterwegs am Himmel mit einer Kutsche und seinen Freunden Bil (Abnehmend) und Hjuki (Zunehmend) zu sehen als Flecken im Mond.

Als Mundilfari seine Kinder ihrer Schönheit wegen Måne und Sol nannte, zog das den Zorn der Götter auf sich und zur Strafe ziehen sie Sonne und Mond am Himmel.

Private Archives

Gegen des Praktikums durfte ich noch ein paar Wünsche äussern, was mich interessiert und ich noch nicht gesehen habe. Bisher hatte ich wenige mit Private Archives zu tun. Nicht nur, dass der zuständige Archivar der Coolste hier ist, er hat eine eigene Rockband und zählt die Jahre bis zur Rente, damit er endlich auf Welttournee gehen kann. Private Archives finde ich tatsächlich interessanter als Kirchenbücher. Zu den Private Archives zählen Nachlässe, Unternehmensarchive und Archive von Vereinen. Das Landsarkivet wurde 1911 gegründet und dabei hatte man nur die Erhaltung der regionalen Behörden im Sinn. Die Archivare erkannten aber auch die Bedeutung der in der Stadt ansässigen Unternehmen und begannen auf eigene Faust 1920 Archive zu nehmen, meist gegen Geld. Gekauft wird auch hier in der Regel nichts. So wollte ein Unternehmen alles wegschmeissen, mit guten Worten hatten sie dieses so sehr von der Sache überzeugt, dass sie am Ende das Archiv bezahlten. Vor 1920 übernahm keiner diese Unterlagen. Sie waren entweder verloren gegangen, oder in den Kellern der Firmen schlummerte hornaltes Material von Anno 1700 irgendwas.

Private Archives wurden bis in die 70er zusammen bearbeitet und nur nach den Grössen klein (A), mittel (B), gross (C)  unterschieden. Erst in den 70er wurde A für Nachlässe, B für Vereine, aber auch Krankenkassen und C Unternehmen genommen. Verzeichnet wird hier nach dem Allmänna Arkivschmemat, dass von Emil Hildebrand nach Niederländischem und Britischem Vorbild 1903 entwickelt worden war. Im Magazin werden auch bis heute alle Materialien zusammen gehalten. Akten und Bücher stehen nebeneinander im Regal. Durch die Neuorganisation 2011 könnte dieses Modell durch ein raumökonomischeres abglöst werden. In Stockholm trennt man bereits Bestände nach unterschiedlichen Formaten. Die Neuorganisation hat auch zur Folge, dass man nicht mehr nach Lust und Laune Archive annehmen kann. Das Landsarkivet kann aber nicht darauf verzichten. Die Mehrheit der Private Archives sind Deposita und bringen dem Archiv Geld ein.

Nimmt man an einer Führung durch das Landarkivet teil, wird man auf jedenfall die Namen Axel Oxenstierna und Gustav Adolf hören.  Axel war ein wichtiger Stratege im 30-jährigen Krieg und Gustav der König Schwedens, der im 30-jährigen Krieg fiel. 

Oxenstierna ist quasi begründer des Schwedischen Staatsapparates und baute die öffentliche Verwaltung auf mit klar definierten Ämtern. Unter anderem sorgte er für die Gründung der Post 1636. Bis heute bestehen die Grenzen der Landkreise, die er damals als Verwaltungseinheiten festlegte.

Zusammen mit Gustav II Adolf fanden sie einen “Mittelweg zwischen Zentralisierung und lokaler Verwurzelung“. Eine Gerichtsbarkeit wurde geschaffen und der Reichsrat wurde so etwas wie eine Regierung. Die Alphabetisierung schritt voran und es wurde die erste Universität gegründet in Uppsalla.

Kirche und Staat waren seit jeher eng miteinander verbunden. Zu einer Trennung kam es erst 2000.